BERICHT STUTENFAMILIEN

Alle zwei Jahre treffen sich zahlreiche Züchter aus Nah und Fern um dem Spektakel beizuwohnen, wenn sich die Juwelen der österreichischen Norikerzucht bei der Bundesjungstutenschau messen. Die Teilnahme an dieser Veranstaltung ist für jeden Einzelnen Anerkennung für jahrelange, oft jahrzehntelange züchterische Anstrengungen und Bemühungen. Nach vielen Bewährungsproben, mehrmals vorselektiert, ist der Bescheid der Landeszuchtgeschäftsführung “Zur Bundesstutenschau” letztendlich die Bestätigung, dass man in der Vergangenheit die richtige Wahl getroffen hat. Denn die Jungstute steht nicht für sich selbst, sondern für die Qualitäten ihrer Elterntiere und ist gleichzeitig eine Perle in einer Kette, die von der Vergangenheit in die Zukunft reicht.

Die Stuten stellen die Grundlage, das Kapital des Züchters dar. Und nur mit der Kenntnis über die einzelnen Familien beginnt das eigentliche Züchten – eine Erfahrung, die viele Jungzüchter in ihrer Karriere erst machen mussten. Denn es reicht nicht, wie einen die Praxis lehrt, sich allein an den Grundsatz “nur die Beste mit dem Besten” zu halten, sondern zu guter Letzt ist neben einer guten Abstammung, einem optimalen Exterieur und der Einzelleistung eines Tieres vor allem ausschlaggebend wie sicher es diese Eigenschaften auch vererbt.
Der Wert von vererbungssicheren und durchgezüchteten Stutenfamilien ist eine der Konstanten der Pferdezucht, auch wenn sie in letzter Zeit etwas in Vergessenheit geriet. Die genaue Dokumentation der mütterlichen Abstammung gehört zu den ältesten hippologischen Quellen und reicht im Falle des Prunkpferdes der Salzburger Erzbischöfe in das 17. Jahrhundert. Das im Jahr 1761 gefertigte Gestütsbuch der Gestüte Rif, Nonnthal und Weitwörth ist nicht nur eines der ältesten erhalten gebliebenen Abstammungsdokumente Österreichs, sondern unterstreicht den Wert der weiblichen Tiere. Galten Hengste bis Ende des 18. Jahrhunderts als ersetzbar und wurden über Ländergrenzen hinweg gehandelt, so hütete jedes Gestüt der Barockzeit seine eigenen Familien wie einen Augapfel. Durch den engen Kontakt der Salzburger Gestütszucht zur Landeszucht wurden das Wissen um die züchterische Bedeutung der Stutenfamilien bereits früh von den bäuerlichen Züchtern übernommen und von Generation zu Generation weitergereicht. Selbst heute ist es noch so, dass man eine gute Stute nur mit einer gehörigen Portion Glück erwerben kann, denn die Besten verlassen als letzte den Stall.

Was macht eine “gute“ Stute aus?

Unabdingbare Vorraussetzung einer Zuchtstute ist eine einwandfreie Gesundheit, Leistungsfähigkeit, Langlebigkeit und Fruchtbarkeit, ausgeprägte Muttereigenschaften und eine angemessene Milchleistung – Eigenschaften, die unter dem Begriff Fitnessmerkmale zusammengefasst werden. All diese Merkmale sind von fundamentaler züchterischer Bedeutung und entziehen sich der Kenntnis der Zuchtrichter. Solange der Noriker als Arbeitspferd eingesetzt wurde und das Pferd eine Existenz- und Wirtschaftsgrundlage war, wurden Pferde die gesundheitliche Mängel aufwiesen, rigoros ausgeschieden. Heute liegt es in der Verantwortung der einzelnen Züchter jene Stuten, die eindeutige Erbfehler wie das Sommerekzem, Gebissfehler oder Sarkoide aufweisen oder deren Milchleistung nicht ausreicht um ein Fohlen adäquat zu ernähren, von der Zucht auszuschließen.

Eine gute Zuchtstute muss klar den Typ der Rasse und der Ahnen, auf die sie gezogen ist, zeigen. Je ausdrucksvoller die Stute den weiblichen Typ verkörpert, je „mütterlicher“ ihr Ausdruck um so erfolgreicher wird sie sich in der Zucht bewähren. Neben optimalem Rasse-, Familien- und Geschlechtstyp ist aber auch ein ausgeglichenes Exterieur ausschlaggebend. Eine Zuchtstute soll lange Linien in Vorhand, Mittelhand und Hinterhand zeigen, über viel Boden stehen, gut gerippt und tief in der Brust sein, sie soll über ein im Verhältnis zum Gesamtkörper ausreichend solides Fundament und über freie Gänge verfügen, insbesondere im Schritt. Das Kraftwerk des Pferdes, der Verdauungstrakt, Bauch, Flanke und Lende umfassend, muss entsprechend entwickelt sein, und gerade hier werden in letzter Zeit zahlreiche Fehler gemacht, da Jährlinge und Jungstuten mit künstlichen Futterregimen (Mangel an Rauhfutter) bewusst mager gehalten werden. Das Resultat sind Jungpferde mit aufgeschürztem Bauch und schlechter Lende. Was heute als modern gilt, ist eigentlich ein gravierender Aufzuchtfehler. Pferde mit Wespentaille und schlecht entwickeltem Verdauungstrakt sind unbrauchbar für die Arbeit und den Sport.

Udo Bürger, leitender Veterinäroffizier der Kavallerieschule Hannover und Otto Zietzschmann, Anatomieprofessor an der Tierärztlichen Hochschule Hannover, erklären in ihrem bis heute grundlegenden Buch „Der Reiter formt das Pferd“ den Zusammenhang folgend: „Ein gut geschlossenes Pferd soll Bauch haben, das heißt die Flanken sollen rund und ausgefüllt sein. Wir wollen weder einen übermäßig gewölbten schlaffen Hängebauch mit einer Hungergrube zwischen letzter Rippe und Hüfthöcker, noch einen aufgeschürzten Leib mit einer Wespentaille. Der aufgeschürzte Hinterleib ist nicht immer einfach zu beurteilen. Gewöhnlich haben solche Pferde in der Jugend gehungert oder mindestens zu wenig Rauhfutter bekommen. Der Darm hat sich nicht genügend groß entwickelt, entsprechend ist die Leibeshöhle klein geblieben. ... Bei diesen Pferden muss man alles tun um sie an die Aufnahme großer Mengen an Rauhfutter zu gewöhnen.“ Umgekehrt ist natürlich auch jede mastige Fütterung zu vermeiden, da sie sich nicht nur negativ auf die Entwicklung der Knochenqualität auswirkt, sondern auch nachteilige Folgen auf die Fruchtbarkeit uvm. hat.

Letztendlich ist bei der Auswahl der Zuchtstute ein gehöriges Maß an Erfahrung, Wissen und Fingerspitzengefühl notwendig, um abzuwägen, welche Mängel eine Auswirkung auf die Zuchtverwendung haben und welche vernachlässigt werden können, denn das fehlerfreie Pferd gibt es nicht. Hier gilt es klar zu unterscheiden zwischen Funktionsmängel und Erbmängel, welche die Lebensdauer und Gebrauchseignung des Tieres verkürzen und Schönheitsfehlern, die sich – abhängig vom jeweilig zeitgenössischen Trend –laufend ändern und keinen Einfluss auf den Nutz- und Zuchtwert eines Pferdes haben.

Zu den gravierenden funktionalen Fehlern zählen beim Noriker ein im Verhältnis zur Körpergröße zu schwaches Fundament, zu stark gewinkelte Sprunggelenke, zu schwache Sprunggelenke, schlechte Hufe, insbesondere Platthufe, schwammige Gelenke und Sehnenstrukturen und alle konstitutionellen und charakterlichen Fehler. All diese Kriterien entscheiden über den Wert einer guten Zucht- oder Stammstute. Und gerade hier, bei der Beurteilung der Zuchtstute, wird klar, dass Harmonie und Solidität häufig mit einem gewissen Maß an “Unauffälligkeit“ in Zusammenhang stehen – denn nicht der schnelle Erfolg, das Streben nach dem maximalen Zuchtfortschritt steht im Vordergrund – dies ist die Aufgabe der Hengste – sondern konstante, durch langjährige Zuchtarbeit gefestigte Eigenschaften sind hier gefragt, die der Garant für die konstante Weitergabe der positiven und gewünschten Merkmale sind.
Eine erfolgreiche Zukunft beginnt mit dem Studium der Vergangenheit.
Konventionell spricht man von einer Stutenfamilie, wenn man über mindestens drei Stuten einer maternalen Linie aus mindestens zwei verschiedenen Generationen verfügt. Diese enge
Verwandtschaftsstruktur (Mutter, Schwester, Töchter, Nichten) ist der Grundpfeiler in der Züchtung von erbsicheren Familien.

Der erste Schritt auf dem Weg zu einer konsolidierten Stutenfamilie ist ein tieferer Blick in die Abstammungen. Da Stuten generell lokal begrenzt waren und die Hengste planmäßig verteilt wurden, ergab sich immer eine gewisse Konstanz in der Abstammung – d.h. das Pferdematerial in den einzelnen Zuchtgebieten hatte eigene Charakteristika und war innerhalb dieser gleichmäßiger in Phänotyp und Genotyp. Ein Ansatz, um seinem Bestand mehr Solidität zu verleihen und diesen “durchzuzüchten”, ist die sogenannte Konsolidierungspaarung, die eine sehr gute Kenntnis der Abstammungen und einzelnen Ahnen vorraussetzt. Diese Praxis wird nach wie vor von vielen Züchtern erfolgreich eingesetzt. Die Grundlage des Erfolges ist hier das Wissen um die Qualitäten und auch um die Nachteile der einzelnen Stuten, von deren Müttern und Großmüttern. Welche Eigenheiten sie hatten, wie sie diese vererbten und mit welchen Hengsten sie harmonierten.

Um positive Eigenschaften zu festigen oder einen speziellen Typ zu verankern, bedient man sich meistens der Konsolidierung auf die Vaterseite. Über Verwandtschaftspaarungen, die gemeinsamen Ahnen sollten sich hier in der 4. Bis 5. Generation befinden, erfolgt eine Anhäufung von Genanteilen der einzelnen Tiere auf die man inzüchtet. Unabdingbare Voraussetzung für diese Vorgangsweise ist, dass die gemeinsamen Ahnen absolut frei von Erbfehlern waren und hervorragende Leistungen erbrachten. Hat man dieses Wissen nicht im Umfeld seiner eigenen Familie tradiert bekommen oder es sich selbst durch Jahrzehnte hindurch erarbeitet, so muss der Jungzüchter über zahlreiche Gespräche, Pedigreestudien und ständiges Beobachten diesen Wissensstock neu aufbauen, denn die Konsolidierungszucht ist nur durch Kenntnis der einzelnen Vererber möglich.

Konsolidierungszucht = die Anhäufung von Genanteilen von Spitzentieren
Pedigree = Ahnentafel, Stammbaum

Welch mächtiges züchterisches Werkzeug die Konsolidierungspaarung ist, wird im Folgenden an der äußerst erfolgreichen Stutenfamilie Zuna-Lora dargestellt.


Die Stutenfamilie Zuna-Lora

Die Salzburger Stutenfamilie Zuna-Lora bringt bis heute nicht nur etliche hervorragende Stuten hervor, sondern aus ihr wurden auch insgesamt 19 Deckhengste angekört – ein Beispiel, das seinesgleichen sucht.

Diese Stutenfamilie lässt sich bis auf die Pinzgauer Stute nach Polz Kunz II, geb. um 1920 nachvollziehen. Ihr Vater, der in Tirol im Jahr 1918 geborene braune Hengst 347/57 Polz Kunz II entstammte einer uralten Salzburger Hengstlinie, deren Gründer der Hengst 126 Adonis 13, geb. 1866, war. Diese Hengstlinie war in den 1930ern noch stark vertreten, bis sie in den 1940er Jahren von der populären Vulkan Linie verdrängt wurde.

Die Pinzgauer Stute nach Polz Kunz II wurde an den Fuchshengst 1300 Dorfheim Ritz Vulkan VI, geb. 1932, Züchter Martin Hartl aus Saalfelden, angepaart. Dorfheim Ritz Vulkan VI hinterließ im ersten Jahrgang seiner dreijährigen Deckperiode in Stuhlfelden/Pongau die Fuchsstute Zuna Lora, geb. 1936, der eine fulminante Karriere beschienen war. Gleich ihr erstes Hengstfohlen wurde als 1113 Ferdl Diamant V angekört. Von den nachfolgenden Anpaarungen bewährte sich vor allem die Kombination mit dem Fuchshengst Falz Vulkan VIII. Drei Vollgeschwister – zwei Stuten und der Deckhengst Jörg Vulkan IX wurden in das Hauptstammbuch eingetragen. Von den beiden Töchtern, Herlinde Spiag und Caramia Lotte, gelangte die Nachzucht nach Tirol, wo nur die Stute Carlotte Ardi ihre Familie weiterführen konnte. Ein zweiter Ast etablierte sich mit der Stute Kanu Perl in Salzburg selbst.

Schon die Stute Carlotte Ardi, geb. 1958, in der dritten Generation auf den Spitzenhengst Schrempf Vulkan VII ingezogen, wies in dieser Familie einen konsolidierten Pedigree auf. Die Konsolidierung beschränkte sich nicht nur auf Schrempf Vulkan selbst, denn in beinahe allen Generationen war Carlotte Ardi auf die Vulkan Linie gezogen. Dieser Blutanschluss, insbesondere auf die Hengste Schrempf und Falz Vulkan wurde in den nächsten vier Generationen wiederholt. Das Ergebnis ist die Schwarzbraune Stute Asta Doris.
Asta Doris ist somit 7mal auf Schrempf Vulkan VII, 5mal auf Falz Vulkan VIII und 2mal auf Vitus Vulkan IX ingezogen und daher stark auf den Kastanienbraunen Stempelhengst der Norikerzucht, den Hengst Schrempf Vulkan VII konsolidiert. Der Genanteil dieses Hengstes in der Stute Asta-Doris wurde dadurch auf 14% katapultiert.

Dass die Rechnung bei dieser Vorgangsweise auch aufging, beweist die Nachzucht dieser Stute aus dem Besitz der Familie Gfrerer, die heute zu den besten Vererberinnen der gesamten österreichischen Norikerzucht zählt. Ihre weiblichen Nachkommen konnten innerhalb der nächsten beiden Generationen insgesamt 7 Hengste stellen.

Von den 11 registrierten Fohlen Asta Doris, konnten 7 Töchter ihre weiteren, mittlerweile starken Äste begründen. Drei von ihnen stellten wiederum fünf Deckhengste auf: Wasil Nero und Polarstern Vulkan a.d. Dahlia, geb. 1993, Wiliams Nero a.d. Diana, geb. 1990, sowie Kristall Diamant und Wild Nero a.d. Mona, geb. 1992. Die Asta Doris Enkelin Diva, geb. 2000, brachte noch den Hengst Fürst Elmar. Aber in dieser Familie war das nicht gerade etwas Besonderes, stellte doch schon Asta Doris selbst den Hengst Wedan Nero und deren Mutter Karta Carin die Kärntner Hengste Kreisel Vulkan, Krenn Vulkan und Fritz Elmar – Namen, die heute jedem Züchter geläufig sind. 11 Hengste aus einer Familie innerhalb von 5 Generationen – dies ist das Resultat durchdachter und nachhaltiger Zuchtplanung, denn neben der Konsolidierung in der Elterngeneration wurden erfolgreiche Anpaarungskombinationen bis zu fünfmal hintereinander wiederholt. In den Folgegenerationen ist diese Vorgangsweise mittlerweile wieder etwas kurzweiliger geworden – eine Folge der erhöhten Mobilität und des gestiegenen Erfolgsdrucks in der Norikerzucht.

Wie dieses Beispiel eindrucksvoll zeigt, schafft man durch die Anhäufung von Genanteilen von Spitzentieren, phänotypisch einheitliche und vererbungssichere Pferde. Diese Bündelung an Genen innerhalb einer Familie ist ein Aspekt der große Bedeutung für jeden individuellen Züchter hat. Der zweite Aspekt jedoch ist ein gesamtheitlicher und betrifft die ganze Norikerzucht. In der Gesamtpopulation sorgt das Vorhandensein einer Vielzahl einzelner, durchgezüchteter Stutenfamilien für die nötige breite genetische Varianz. Diese weite genetische Streuung ist nicht nur eine wichtige Genressource, sondern schafft auch genügend Spielraum für künftige Selektion.
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